Die Schattenseiten einer Auswärtsfahrt

Wie bereits im vorherigen Beitrag beschrieben, erlebt man auf einer Auswärtsfahrt oft unvergessliche Momente. Leider kommt es auch zu Momenten die einen ziemlich schlechten Beigeschmack haben. Momente in denen das Adrenalin durch den Körper schießt. Nicht etwa durch das späte Siegtor oder das Anfeuern aus vollem Halse. Sondern aus Angst oder Ärger.

Ein sehr unschönes Erlebnis durfte ich rund um das Relegations-Hinspiel in Wolfsburg. Diese beiden Spiele taten sehr weh und sind auch lange noch nicht verdaut. Unsere Niederlagen damals waren schon ein ordentlicher Tiefschlag und sich an diese Zeit zu erinnern tut schon weh. Für mich persönlich ist es allerdings wichtig die Vorkommnisse gerade aus dem Hinspiel aus meiner Sicht darzulegen.

Wolfsburg und Braunschweig trennen nur wenige Kilometer, viele Eintracht-Fans arbeiten in Wolfsburg oder kommen aus der Nähe. Ebenso wohnen viele Wolfsburg-Fans in Braunschweig. Es gibt somit viele alltägliche Berührungspunkte. Aus Sicht der Wolfsburger Anhänger handelt es sich bei dieser Begegnung um ein Derby. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass auch einige Braunschweiger diese Meinung teilen. Ich und viele Andere nicht: Für mich persönlich ist dieser eher „kleine“ Verein eher wie das nervige Nachbarkind, dass dir immer seine tollen Spielsachen zeigt (ohne, dass es dich auch nur im Geringsten interessiert) und auf alles neidisch ist was es sich von dir nicht kaufen kann. Im vorliegenden Fall eine etwas treuere Anhängerschaft und eine Anerkennung als Traditionsverein mit einer ausgeprägten Fankultur. Zugegebenerweise hat sich die Fankultur von der Nachbarstadt positiv entwickelt, allerdings fällt es nicht besonders schwer Punkte zu finden über die man sich lustig machen kann. Sicher ist das andersrum genau so. Mich und viele Blau-Gelbe interessiert dieser Verein einfach nicht, er ist uns einfach scheiß egal. Natürlich ist die Rivalität größer, wenn man mehr Fans vom anderen Verein kennt als sonst, doch ein Derby ist etwas anderes, zumindest aus meiner Sicht.

Ich habe einige Freunde und Bekannte die VfL-Fans sind, die sind auch sehr nett, doch für den Derbycharakter fehlt einfach einiges. Man stänkert sich zwar gerne, manchmal weniger erfolgreich (ihr werdet auf ewig hinter euch bleiben, liebe VfLer :P), das gehört auch dazu aber ein richtiges Derby ist für mich nur das Niedersachsen-Derby. Vielleicht wird es irgendwann zum zweiten Derby, schauen wir mal wie es sich entwickelt.

Aber zurück zum 25.05.2017:

Ohnehin fahren regelmäßig Züge Richtung Wolfsburg. Zum Relegationsspiel wurde zusätzlich noch ein kostenloser Entlastungszug eingesetzt. Benötigt wurde nur die Eintrittskarte. Zusätzlich wurde noch das Verbot der alkoholischen Getränke kontrolliert, jede Flasche wurde beschnuppert. Dann ging es gut gelaunt und mit einigen Gesängen, natürlich dem heutigen Gegner und dessen Hauptsponsor angepasst, Richtung Nachbarstadt. Bei der Ankunft im eher kleinen Bahnhof wurden wir natürlich schon freundlich empfangen. Das heißt wir wurden von schwer gepanzerten Uniformierten in Richtung Ausgang geschoben. Immerhin war der Klogang trotzdem möglich. Vor der Halle hatten sich schon einige Blau-Gelbe versammelt immerhin wurde gebeten sich von dort gemeinsam zum Stadion zu begeben, zudem war von unserer Seite aus ein Fanmarsch geplant. Als der letzte Zug ankam der noch mitgehen sollte, dauerte es noch etwas bevor es los ging. Zu bewältigen waren etwa zwei Kilometer. Durch die große Masse kam der Marsch natürlich nur langsam voran, zudem eingekesselt von Unmengen an Polizei. Jedes Lokal war zugesperrt und die Gäste „durften“ zusammen mit je zwei Polizisten von innen zugucken. Leider kam es auf dem Weg hin und wieder zu „kleineren“ Sachbeschädigungen, soweit ich das sehen konnte (Aufkleber auf Autos von VfL-Fans, Kennzeichen entfernt). Sowas geht natürlich gar nicht, soll aber erstmal keine Rolle spielen. Obwohl die Polizei alles daran setze uns in Schach zu halten (bis auf etwas Pyrotechnik und Gesänge ist überhaupt nichts passiert), hatte man wohl vergessen, dass es auch VfL-Fans gibt. Dafür, dass wir zum Stadion „geschoben“ wurden, kam es ziemlich oft vor, dass Vfl-„Fans“ angerannt kamen und sowohl provoziert als auch Gegenstände geworfen haben. Gleiches geschah dann auch aus unserem Lager. Gegen Provokationen aus dem Fenster kann man als Polizei natürlich wenig machen, aber wenn zwei oder drei VfL-Fans auf einen Eintracht-Fanmarsch zukommen und provozieren, sollte man vielleicht die entfernen, anstatt diese in Ruhe zu lassen und auf die Dutzenden reagierenden Eintracht-Fans einzugehen. Der Aufwand dürfte deutlich geringer sein.Das Vorgehen der Polizei und der Ordner sind als Fan allerdings selten nachvollziehbar. Die allermeisten Auswärtsfahrer haben da mehrere Geschichten parat.

Kurz vor dem Stadion sollten wir dann auf eine Brücke abbiegen. Da die Polizei sehr rigoros vorging und auch Unbeteiligte unsanft wegstieß, hatte ich mich so ziemlich ans Ende fallen lassen. Die netten Polizisten aus den letzen Reihen haben uns sogar gesagt wie schnell wir gehen „dürfen“: Was für ein Service! Jedenfalls wunderte ich mich aus etwa 100m Entfernung, wie wir denn auf die Brücke kommen sollten. Denn es schien so als hätten die Wasserwerfer die Kreuzung komplett zu gefahren. Die Masse blieb stehen, plötzlich kam weiter vorne Bewegung rein. Viele Helme flitzten hin und her. Dann kam auch schon die Ansage, die ich trotz der nicht ganz so großen Entfernung nur schwer verstehen konnte. Es wurde anscheinend darum gebeten, den Weg nicht zu verlassen. Währenddessen wurden wir mehr oder weniger sanft weiter geschoben, es wurde immer enger, noch hatte man genügend Platz. Ich unterhielt mich gerade darüber wo wir lang gehen sollten bis plötzlich…“wusch“ die Wasserwerfer anfingen zu schießen.

Das Schieben wurde jetzt unsanfter und kam auch nicht mehr nur von hinten. Ich wusste nicht was geschehen war und konnte auch nichts genaues erkennen, schossen die Wasserwerfer doch in alle Richtungen. Seit der Ansage war bei weitem noch keine Minute vergangen. Mir wurde etwas mulmig als ich die zurück weichende Menge sah, es wurde wieder enger. Ein leichter Wassernebel erreichte nun auch uns, der harte Strahl des Wasserwerfers traf nun etwa 70 Meter vor uns auf die Blau-Gelbe Masse, immer und immer wieder. Nun flogen erste Flaschen und Steine und nicht wie später oft berichtet, vorher. Ein Ausweichen des immer noch aktiven Wasserwerfers war für die vorderen Reihen nicht möglich, scheinbar wahllos wurde in die Menge geschossen. Geschrei durch Megaphone der Polizei, Geschrei durch Fans, es herrschte spürbar Angst und Wut in den Blau-Gelben Reihen. Die Unwissenheit, was einen derart rigorosen Einsatz der Polizei rechtfertigte, lag schwer im Magen:  Nehmen die jetzt auch noch Fans fest? Haben die vorderen Reihen die Polizei angegriffen? Gibt es Verletzte? Kommen wir noch zum Spiel?

Ich konnte sehen wie großflächig Pfefferspray eingesetzt wurde. Es war bereits vorher deutlich zu sehen, dass der Einsatz definitiv nicht ausschließlich gegen Ultras oder Aggressoren gerichtet war. Nach gefühlten Stunden, tatsächlich waren es mehrere Minuten, ging es weiter. Als ich genauer sehen konnte wer von dem „Angriff“ der Polizei getroffen worden war, konnte ich es nicht fassen. Ich kam an  zusammengebrochen schluchzenden Frauen vorbei, die bestimmt genau so wenig zur Ultra-Szene gehörten wie die tropfnassen Kinder. Die Stimmung schwankte zwischen schockiert und aufgeheizt. Verständnislos musste ich erfahren, dass der Einsatz der Polizei tatsächlich aus dem Verlassen der vorgegebenen Wege resultierte. Die Polizei hatte vorher zwar angekündigt, rigoros vorzugehen, allerdings war der Weg zur Brücke so eng, dass man nicht davon ausgehen darf, dass fast alle angereisten Braunschweiger auf einmal dort problemlos passieren können. Der Marsch bestand wohl aus etwa 2.000 Braunschweigern, teilweise waren die Wege nur wenige Meter breit, tolle Planung!

Im weiteren Verlauf habe ich entsetzt erfahren, dass die Polizisten provozierende Sprüche gegen Braunschweiger richteten und einen großen Spaß am Wasserwerfereinsatz hatten. „Es machte den Eindruck, als hätten besonders die Beamten am Steuer des Wasserwerfers Gefallen an ihrem Job gefunden. Provozierend warfen sie den nassen Braunschweigern Kusshände zu und machten süffisante Durchsagen wie: „Macht Euch bereit für die nächste Runde“.“ berichtet Tobias Bosse von seinen Erlebnissen in seinem Bericht für das SEEN Magazin (hier könnt ihr den ganzen Bericht nachlesen).

Durch eine ebenfalls sehr enge Treppe gelangten wir dann auf den Stadionvorplatz. Hier ging es wieder mal vorerst nicht weiter. Die Pause nutzen viele Fans um sich zu trocknen. Brillen wurden wieder zurecht gebogen oder zerbrochen verstaut. Die Polizei hielt sich jetzt etwas im Hintergrund, dementsprechend wurde die Stimmung etwas ruhiger und es wurde schon wieder gesungen. Kurz darauf ging es Richtung Gästeblock.

Jeder der den Gästeeingang in Wolfsburg kennt, kann sich vorstellen was passiert, wenn alle Gästefans auf einmal in den Block wollen. Immerhin sind Sitz- und Stehplätze getrennt. Allerdings gibt es nur zwei „Türen“ die zu den beiden Drehkreuzen führen. Idealerweise wird jeder Eingang von einer Art Wellenbrecher, wie es auch im Stadion zu finden ist, geschützt. Leider läuft dieses „Gestänge“ in Richtung der wartenden Fans sehr spitz zu. Nun war es so, dass der Einlass sehr lange dauerte und der Anpfiff immer näher rückte. Die Stimmung wurde wieder etwas unruhiger, bis es zu einem erneuten Zwischenfall kam.

Fast der komplette harte Kern der Szene war bereits im Stadion als im Heimbereich vermummte VfL-Fans auf den Gästebereich zuliefen und versuchten das Tor zu öffnen. Der restliche harte Kern wollte natürlich „Hallo“ sagen und versuchte zu den „Angreifern“ zu gelangen. Zwischen ihnen und dem anvisierten Ziel befanden sich allerdings einige hundert gemäßigte Eintracht-Fans, etwa die Hälfte war bereits im Block. Die Menge wogte hin und her, man wurde an gefühlt ein Dutzend Nebenmänner gepresst. Zum Glück trennte die Polizei die beiden Gruppen nicht in der Menge, sonst hätte es viele Verletzte gegeben. Die Situation eskalierte nicht völlig. Nach kurzer Zeit hatte man wieder etwas mehr Platz. Wirklich bewegen konnte man sich allerdings nicht. Einige Fans waren gefallen und richteten sich wieder auf, die Stimmung war wieder ziemlich angespannt. Jetzt wollte fast ausnahmslos jeder so schnell wie möglich ins Stadion. Das Tor zum Stadion, welches zwischenzeitlich geschlossen worden war, wurde wieder geöffnet und der Einlass im Schneckentempo startete erneut.

Aufgrund der extremen Enge machten erste Fans Bekanntschaft mit dem spitzen Wellenbrecher, so auch ich. Gerade kleinere Personen wurden von der ganzen Masse gegen die Ecke gedrückt. Ich habe nicht genau mitbekommen, ob es Verletzte gab, zum Glück wurde den meisten schnell über den Wellenbrecher geholfen. Die Ordner sahen trotz der drückenden Enge keinen Grund zur Eile und ließen gemächlich einzelne Fans passieren.

Endlich war ich im Stadion, meine Begleiter  hatte ich kurz vor der Einlasskontrolle aus den Augen verloren. Nach kurzem Suchen waren wir wieder vereint und standen vor einem neuen Problem: Der Block war voll, richtig voll. Da der Block eigentlich ein Sitzblock ist und auch sonst so ziemlich einer der schlechtesten Auswärtblöcke Deutschlands ist, mussten wir für eine einigermaßen annehmbare Sicht erfinderisch werden. Wir balancierten schlussendlich auf der horizontal verlaufenden Haltestange der letzten „Sitzstehreihe“. War eigentlich ganz gut.

Nach dem Spiel wurde die Mannschaft noch gefeiert und eine ziemlich schlechte Bratwurst verzehrt. Die Polizei hat sich relativ viel Zeit genommen um den Rückmarsch zu starten. Ziemlich verblüfft war ich dann über die Geschwindigkeit die seitens der Polizei gefordert wurde. Mit mehreren Einsatzwagen hinter sich ist aber ohnehin kein Blau-Gelber besonders langsam gegangen. Um die, vorher so rigoros durchgeführte, Trennung der Fanlager schien sich jetzt keiner mehr wirklich zu kümmern. Ich selber habe keine Zwischenfälle mehr mitbekommen.

Am Bahnhof angekommen stand auch schon der Zug bereit und es ging wieder ab Richtung Braunschweig.

Das Bild ist von der Seite Braunschweig 1895 Stadionfotografie seit 2005.

Kevin

 

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